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Hans-Sachs-Haus

Ruhr-Nachrichten, Gelsenkirchen, 15.10.1977

Gelsenkirchen. "Nachdem Günther Ramin das Orgelkonzert in d-Moll von Georg Friedrich Händel gespielt hatte, hieß Oberbürgermeister von Wedelstaedt die Gäste herzlich willkommen, unter ihnen Wohlfahrtsminister Hirtsiefer, Vertreter der Ministerien des Innern und für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, ferner Oberpräsident Gronowski, Regierungspräsident König, sowie die Oberbürgermeister der meisten Städte des Ruhrgebiets."

Das war am 15. Oktober 1927,  als mit der Einweihung des Konzertsaales im Hans-Sachs-Haus der Geburtstag des gesamten, Hauses nach einer Bauzeit von drei Jahren gefeiert wurde.

Dr. Karl Wilhelm Niemöller, Leiter des Presseamtes der Stadt nach dem Kriege, erwähnt den Einweihungsakt in seinem Beitrag "Das Hans-Sachs-Haus" für den III. Band "Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit", Jahrgang 1950.

Fremde wissen mit dem Namen für den ursprünglich geplanten Mehrzweckbau kaum etwas anzufangen. Am allerwenigsten vermuten sie dahinter das Rathaus im Süden der Gesamtstadt. In einem Prospekt, der das Hans-Sachs-Haus beschreibt und dabei auch auf die Vorzüge des Hotels in dem Hause aufmerksam macht, heißt es: "Der Name umschreibt alle Elemente des deutschen Schaffens und ist ein Sinnbild für die Verbindung von Werkarbeit, die materielle Werte erzeugt und der Kunst, der wir ideelle Werte verdanken."

Das Hans-Sachs-Haus war nämlich als Mehrzweckbau konzipiert, der seine Entstehung der Raumnot bei Behörden, Handel, Industrie und Gewerbe zu verdanken hatte. 50 Läden sollten z. B. im Erdgeschoß untergebracht werden. Es fehlte auch ein Konzertsaal, denn der in der alten Wirtschaft Heuser ging der Bevölkerung mit der Planung für das Hans-Sachs-Haus verloren.

3,5 Mio. RM Anleihe
Die Wirtschaft stand auf dem Gelände an der früheren Bankstraße, das der Stadt gehörte und neu bebaut werden sollte. Um das Geld für das Projekt zu bekommen, beschloß die Stadtverordnetenversammlung, eine Anleihe in Höhe von 3,5 Mio. Mark aufzunehmen. Die Gesamtbaukosten sollten 2,8 Mio. Mark betragen, davon l 815 000 Mark für das Bürohaus, 515 000 Mark für den Saal, der Rest für die Einrichtung. Am Ende kostete der Bau 5 687 812 RM.

Aus den Erträgen der Anleihe wurde auch der Kauf des Grundstücks der Gebrüder Rißmann an der Ecke Bank- und Vattmannstraße bestritten, das mit zu dem Baugelände gehörte.

Die Ausschachtungsarbeiten begannen Mitte August in der Munckelstraße, im Oktober wurden die ersten Fundamente gelegt und Ende Dezember wurde auch in der Vattmannstraße gebaut. Dann unterbrach der Streik der Bauarbeiter im Mai den Fortgang der Arbeiten. Im März 1926 wurde mit der Ausschachtung an der Bankstraße begonnen. Die Wirtschaft Heuser war vorbei abgebrochen worden. Der Flügel an der Munckelstraße war im Juni 1926 so weit gediehen, daß zwei Abteilungen der Stadtverwaltung dort schon einziehen konnten. Im Januar 1927 folgte das Kataster- und Vermessungsamt, das Versicherungsamt, das Theaterbüro, die Stadtbücherei und ein Teil des Tiefbauamtes.

Just in diesem Monat kam es zu einer der schwersten Krisen der ganzen Bauzeit. Der Haupt- und Finanzausschuß hatte vorgeschlagen, aus einer Anleihe von 18 Millionen Mark 1,5 Millionen Mark freizugeben. Der Antrag stieß bei der Rechten auf heftigen Widerstand, denn die Gesamtbaukosten von 2,8 Millionen Mark steigerten sich bereits auf 3 800 000 Mark. Der Stadtverordnete Hueck von der Deutschen Volkspartei bestritt die Rentabilität des Hauses. Der Stadtverordnete Nienhausen von der Deutschnationalen Volkspartei stimmte ebenfalls gegen die Vorlage und auch die KPD wollte von dem Vorhaben nichts mehr wissen. Dafür waren nur  Debus von der SPD und Bayer (Zentrum). Dr. Terner von der Demokratischen Partei gab bekannt, daß ein Teil seiner Fraktion für die Bewilligung der Gelder stimmen werde. Das Ergebnis: Die Vorlage wurde mit 28 gegen 27 Stimmen abgelehnt.

Dann, so schreibt Dr. Niemöller, war guter Rat teuer. Es wurden Ortsbesichtigungen durchgeführt und am 18. Februar in der Stadtverordnetenversammlung erneut behandelt.

Die Abneigung gegen das Projekt schien unverändert zu bestehen. Wegen der Bedeutung des gesamten Unternehmens wurde namentliche Abstimmung beantragt. Dann wurde über die Vorlage, als Gesamtsumme der Baukosten 4250000 Reichsmark zu bewilligen, abgestimmt. 25 Abgeordnete stimmten mit Nein, 31 mit Ja. Es wurden sogar noch 62 924 Reichsmark zur Beschaffung einer Orgel bewilligt.

Später hieß es in der Festschrift zur Einweihung des Konzertsaales: "Es bedurfte des allerpfiffigsten Gesichts und einer guten Dosis Humor seitens des Herrn Stadtbaurats, um davon zu überzeugen, daß man das Hans-Sachs-Haus in seinem gegenwärtigen Zustand nicht stehen lassen könne."

Wie die Bevölkerung das Geschehen im Rathaus beurteilte, kommt in den Namensvorschlägen für das neue Haus zum Ausdruck. Die Stadtväter hatten nämlich zur Beteiligung an einem Preisausschreiben aufgerufen und Preise in Höhe von 100, 50 und 30 DM ausgesetzt. Dazu kamen fünf Trostpreise zu je 10 RM. Preisrichter waren die Redakteure der drei Gelsenkirchener Zeitungen: Dr. Wilhelm Brepohl von der "Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung", Dr. Esser von der "Gelsenkirchener Zeitung" und Alfred Zingler vom "Volkswillen".

Den Vorsitz bei der entscheidenden Zusammenkunft hatte Stadtbaurat Arendt. 326 Einsendungen lagen der Jury vor. Den ersten Preis für den Vorschlag "Hans-Sachs-Haus" erhielt Luise Heikhaus, Schalker Straße 31. Den zweiten Preis bekam der Maler Fritz Peters, Grenzstraße 125,  für "Das Hohe Haus" und den dritten Preis durfte Karl Gymnich, Luitpoldstraße 53, für "Klinkerhof" kassieren.

"Gelsenburg", "Sirene", Tipp-Ton-Halle, "Stadtstimme", "Städtischer Aufbau", erlangten die Trostpreise.
"Haus Pleite", "Wedelstätte" (nach dem Oberbürgermeister von Wedelstaedt) brachten die ironische Meinung der Bürger zu dem Haus zum Ausdruck.

Wunderliches Gemisch
Auf der Einweihungsfeier sprach der Schöpfer des Hauses, Prof. Fischer aus Essen, über seine baukünstlerischen Ideen "im Stil der neuen Sachlichkeit". Die Eröffnung verlief leider, so berichtet der Chronist, nicht ohne Mißklang. Den Anlaß dazu lieferte Studienrat Dr. Ernst Weineck mit seinem Text in der Festschrift: "Gelsenkirchen, Du Vielgescholtene unter den Städten! Ob Deines rußgeschwärzten Gewandes, Deines spärlichen Grüns, Deiner rauchgeschwärzten Luft! Du wunderliches Gemisch aus Westfalen und Rheinländern, Nord- und Süddeutschen, Ost- und Westpreußen, Polen und Masuren, Niggern und Indianern."... Ungleich ist die Schar Deiner Kinder, viel ungleicher wie einst die ungleichen Kinder Eva l Denn bei Dir überwiegt die schmutzige, grindige, lausige Rott weit die kleine Zahl der schneeweiß Gebetteten und köstlich Gekleideten."

Die Ost- und Westpreußen fühlten sich nicht wohl bei dem Gedanken, in einen Topf mit Niggern und Indianern geworfen zu werden und die Kritiker des Projekts waren beleidigt, weil sie als "die in solchen Fällen nirgendwo fehlenden Spießer der Masse" apostrophiert wurden. Oberbürgermeister von Wedelstaedt distanzierte sich dann in einer Stadtverordnetenversammlung von dem Inhalt der Festschrift und bezeichnete sie als "ein etwas unglückliches Elaborat".

Im November wurde das Hotel Hans Sachs eröffnet. Heute, da die Stadtverwaltung den Bau bis zu 70 Prozent in Anspruch nimmt, denkt wohl kaum jemand daran, daß es hier auch ein Hotel mit 50 Zimmern, einem Restaurant und einem Cafe im ersten Stock gab. Das Cafe wurde erst vor einigen Jahren in Büroräume für die Stadtverwaltung umgewandelt.

Die Innenausstattung besorgte damals Prof. Max Burchartz (Essen). Er verwendete Farbe als Orientierungsmittel (rot, blau, gelb, grün und ganz oben wieder rot). Der Leitende Direktor hieß Moritz, er war der erste Geschäftsführer der zur Bewirtschaftung des Hotels, des Konzertsaales und des Cafes gegründeten GmbH. Dem Aufsichtsrat gehörten drei Stadtverordnete an.